Über Stringenz, Neusprech und Inklusion

Sprache macht einen Unterschied. Bei der ISO 27001 verbirgt beispielsweise die konkrete Ausformulierung der Norm in nur 10 „Clauses“ und 114 „Controls“ über 800 Teilanforderungen, wie eine linguistische Analyse nun ergründet hat (s. S. 10) – in tatsächlichen Szenarien können daraus leicht auch weit über 10 000 einzelne Punkte werden, die man in einem ISMS abbilden muss. Das kann beim unbedarften Projektstart schon einen gewaltigen Unterschied in der erwarteten Komplexität und Ressourcenplanung ausmachen.

Fremdsprachliche Texte zu verstehen, dürfte den weitaus meisten Menschen schwerer fallen, als ihre Muttersprache anzuwenden. Dennoch kann eine schlechte Übersetzung auch für mehr Missverständnisse und Ungewissheit sorgen als ein gut und einfach formulierter fremdsprachlicher Text. Dabei muss der Übeltäter noch nicht einmal immer eine KI sein – vermutlich akribisch bearbeitete offizielle Übersetzungen einer Norm wie der ISO 27001 können ebenfalls zu Verwerfungen führen, wie unsere Autoren zu Recht beklagen. Ihr Artikel erklärt übrigens auch indirekt, warum Sie in der <kes> nie von „virtuellen privaten Netzen“ lesen.</kes>

An vielen Stellen liegt es gerade dem Menschen, ach, so nahe, auf falsche Freunde als „nahe liegende“ Übersetzungen hereinzufallen: Wie oft müssen wir etwa (außerhalb der <kes>) von „physikalischer Sicherheit“ lesen, wo es so gar nicht um Physik geht, sondern usprünglich vielmehr das Physische, Dingliche gemeint war? Auf der anderen Seite wird (zumindest abseits kalauernder Linguistenzirkel) wohl nur eine Maschine „Schmink deinen Geist!“ klaglos als Aufforderung übersetzen, sich endlich eine Meinung zu bilden und eine Entscheidung zu treffen.</kes>

Sprache beeinflusst Meinung. Das haben längst nicht nur die Mächtigen in Orwells 1984 mit ihrem Neusprech-Diktionär verstanden – auch die heutige Politik, Werbung und viele andere Lebensbereiche sind voll von Euphemismen und sonstwie agitierender Wortwahl. Sprache kann trennen und verbinden, einbeziehen oder ausschließen, motivieren oder herabwürdigen, für Klarheit sorgen oder in die Irre führen, aufwühlen oder besänftigen, Wohlwollen oder Wut, Wünsche oder Widerstände wecken – und vieles mehr. Das lässt sich in Sachen Sicherheit sowohl als negative Erfahrung erleben wie auch positiv verstärkend einsetzen.

Apropos Einbeziehen: Eigentlich sollte Gleichstellung heute hierzulande selbstverständlich sein. Dass dieser Satz ohne „eigentlich“ und Konjunktiv irgendwie unrealistisch klänge, belegt jedoch, dass wir gesellschaftlich hier noch nicht am Ziel sind. Nun ist die <kes> keine politische Publikation, sondern eine Fachzeitschrift – daher werden wir auch in Zukunft nicht alle Texte „durchgendern“. Wir wollen uns aber auch nicht pauschal über die Wünsche unserer Autor:inn:en hinwegsetzen, wenn diese mehr als ein generisches Maskulinum einsetzen möchten – und dennoch endlose Aufzählungen sowie harsche Brüche im Lesefluss vermeiden. Unser Ansatz hierfür ist der (ggf. doppelte) Doppelpunkt, der wie eine weniger heftige Klammer Alternativen in einem Wort auszeichnet – gelegentlich ergänzt um Optionen mit Schrägstrich, wo etwa „der/die“ statt „ein:e“ gefordert ist.</kes>