Kultur schaffen

Als vor gut drei Jahren zuletzt ein <kes>-Titel zur Sicherheits-Kultur erschien, ging es sowohl im Editorial als auch in den Expert:inn:en-Statements erst einmal um eine Definition. Und auch heutzutage bleibt der Begriff offenbar noch schwer zu fassen – jedenfalls scheint die Security-Branche weit davon entfernt, sich über notwendige oder sinnvolle Aspekte einer Sicherheits-Kultur einig zu sein. Bisweilen verkam „Security-Culture“ sogar zur (marketinggetriebenen?) aufpolierten Worthülse für leicht angestaubte Awareness-Rezepte.

„Der Feind der Kultur ist der Markt, weil er alles, sogar die Kultur, zur Ware macht,“ sollen Klein, Haselbach, Knüsel und Opitz 2012 formuliert haben. Am aktuellen Objekt der Begierde (oder auch Ablehnung) lässt sich erahnen, dass das mit der Ware nicht funktionieren kann – zumindest nicht zielführend, was „dem Markt“ aber hin und wieder egal sein dürfte. Jedenfalls ist Sicherheits-Kultur nichts, was man einfach einkaufen könnte. Kultur kann man auch nicht diktieren, wohl aber vorleben. Man muss sie sich vermutlich zumindest zum Teil auch erarbeiten und sie er-leben – und zwar gemeinsam. Und das könnte in Sachen Security tendenziell unbeliebt sein, unter anderem weil es Zeit und Energie kostet und man sich zu allem Überfluss auch noch mit fachfremden Themen und Menschen auseinandersetzen muss.

Und wer kann schon freudig bei der Sache sein, wenn bereits im eigenen Fachgebiet zu wenig Zeit und Ressourcen zur Verfügung stehen? Wo Land unter ist, geht man nicht auf Entdeckungstour und veranstaltet plauschige Deichspaziergänge, sondern sieht halt zu, dass der eigene Beritt möglichst dichthält. Dabei klappts mit der Kultur vielleicht dort am besten, wo sie gerade keine Ergebnisse erzielen muss, sondern Raum hat, um sich auszuprobieren und zu entwickeln. Wo allerdings „Sicherheit“ wortwörtlich vor der Kultur steht, ist meist schon etwas mehr oder minder Schlimmes passiert, bevor Letztere in großem Stil vermisst wird.

So war es – apropos „Land unter“ – übrigens auch bei der Seeschifffahrt, die am Rande bemerkt den einzigen Abschnitt zur Sicherheitskultur stellt, der auf Wikipedia (DE) in den vergangenen Jahren nennenswert bearbeitet worden ist. Dort erreichte die Debatte in den 1970er- und 1980er-Jahren in der Folge verschiedener maritimer Unglücksfälle mit weitreichenden Konsequenzen die Öffentlichkeit. Und trotz der offenkundig katastrophalen Folgen, beispielsweise einer Ölpest oder eines Fährunglücks, hat es anscheinend Jahrzehnte gedauert, bis man Regularien ernsthaft angepasst oder etwa die „Seafarer Fatigue“ intensiver erforscht, geschweige denn – wenigstens versuchsweise – bekämpft hat. Systemimmanente Übermüdung mangels Schutz vor körperlicher und mentaler Überlastung – das könnte man auch noch anderen Arbeitsumgebungen attestieren, oder?

Bevor sich der Wunsch nach mehr Kultur aber in einen Ruf nach mehr Regulierung verquert: Damit könnte man vielleicht bessere Randbedingungen schaffen – die Kultur selbst muss aber ihrem ureigenen sozialen Umfeld entspringen. Sprich: Kultur müssen wir selbst schaffen. Packen wir es an?!