07. Juli 2003
In den letzten Monaten gab es reichlich Spekulationen und Horrorszenarien über die Pläne von TCPA und Microsoft zur nächsten Generation der PC-Plattform sowie des dazugehörigen MS-Windows-Betriebssystems. Ein Symposium zum Trusted Computing hat letzte Woche in Berlin gezeigt, dass diese Thematik auch in den Unternehmen großes Interesse hervorruft und dass weiterhin ein Defizit an verlässlichen und ausgewogenen Informationen besteht – überdies wurde offenkundig, dass sich mittlerweile bei vielen Kritikern und auch Anwendern ein tief sitzendes Misstrauen eingenistet hat.
Dabei würde wohl kaum jemand die Ziele des
Industriekonsortiums als solche in Frage stellen: Das mittlerweile
zur
Trusted Computing Group (TCG) mutierte
Herstellerkonsortium
TCPA
ist angetreten, um "offene Industrie-Standards für
vertrauenswürdige Rechneranwendung auf verschiedenen
Plattformen zu entwickeln und zu fördern." Der wesentliche
Schritt hierzu ist die Spezifikation einer Sicherheits-Hardware,
die vor allem als Schlüssel-Container und Krypto-Beschleuniger
Einzug in PC-Motherboards, Handys, PDAs und
andere Geräte halten soll: das Trusted
Platform Module (TPM). Die Hauptakteure der TCG sind
AMD, Hewlett-Packard, IBM, Intel und Microsoft.
Die Kontrahenten sind vor allem Bürgerrechtler, Netzaktivisten und Wissenschaftler, die ein großes Missbrauchspotenzial befürchten und die Kontrolle des Anwenders (bzw. Administrators) über sein System durch implementierte Interessen des Digital Rights Management in Frage gestellt sehen. Darüber hinaus existieren Befürchtungen, dass die avisierte Plattform Microsofts Dominanz im Betriebssystemmarkt zementieren und freie Software behindern könnte.
Allzu viel Klarheit konnte das zweitägige Symposium trotz
hochkarätiger Besetzung nicht schaffen, jedoch wurden wichtige
Fragen aufgeworfen, Ansatzpunkte von Bedenken kommuniziert und
Standpunkte dokumentiert. Für das
Bundesministerium für Wirtschaft und
Arbeit (BMWA) als Veranstalter des Symposiums fasste Ulrich
Sandl zusammen: "Einige Nebelschwaden haben sich gelichtet, doch
das Thema ist sehr schwer zu fassen." Dabei spielt sicherlich die
Komplexität schon der ersten
TPM-Spezifikation eine Rolle; einige
wichtige Punkte dürften zudem erst in der kommenden
Version 1.2 geregelt werden. Praktisch keine
tiefschürfenden technischen Infos gibt es bislang zu
Microsofts Vorhaben der
Next Generation Secure Computing Base (NGSCB),
die vom TPM mehr oder weniger unabhängig ist – selbst
die
"technische" FAQ ist
derzeit noch recht abstrakt. Allerdings hat Microsoft
angekündigt, die wesentlichen Punkte offen zu dokumentieren.
Zudem rechnet man auch erst im Oktober 2003 mit einer ersten Pre-Beta-Version für Entwickler – dem
Produktivbetrieb von Unternehmen wird die NGSCB wohl nicht vor 2005
zur Verfügung stehen, während erste Systeme mit TPM
bereits seit Mai 2002 verfügbar sind.
Ulrich Sandl resümierte zum Abschluss des Symposiums, dass die Hauptarbeit noch vor uns liege. Das BMWA begrüße grundsätzlich die Sicherheitsinitiative der Industrie, nun müsse man noch "über den Preis sprechen". Für den Herbst hat Sandl eine Analyse zu TPM und NGSCB in Aussicht gestellt. Weitere Stimmen vom TCG-Symposium wird die <kes> in der Ausgabe 2003#4 veröffentlichen.