05. April 2003
Was liegt heutzutage näher, als Begriffe, Best Practices oder was-auch-immer im Internet zu
recherchieren? Schließlich ist das Netz mittlerweile zur
nahezu universellen und noch dazu aktuellen (und überwiegend
kostenlosen) Wissensdatenbank der Menschheit avanciert. Die
Werkzeuge zur Wissensfindung sind dabei in der Regel
Internet-Suchmaschinen – bei vielen Netznutzern allen voran
Google.
Eine häufige Begründung dafür ist wohl die
Wahrnehmung, dass Google mehr findet als andere und zudem die
relevanten Einträge ganz vorne einsortiert, sodass man nicht
in der Flut der Ergebnisse nur wieder erneut suchen muss.
Gerade in der Populärität von Google und in der
Gewichtung der Ergebnisse liegt aber auch eine Gefahr: Der
britische Online-Dienst The Register berichtete dieser Tage vom
Googlewashing des
Begriffs Second Superpower, der
im Zuge des Protests gegen den Irak-Krieg geprägt wurde. Nach
wenigen Wochen sei die ursprüngliche Bedeutung in den
Suchergebnissen von Google praktisch vollständig durch eine
veränderte und abgeschwächte Sichtweise verdrängt
worden, die eine bis dahin unbekannte "Autorität" publiziert
hat. Wer die Welt mit Googles Augen recherchiert, dürfte
schwerlich auf die Idee kommen, dass hinter Second
Superpower jemals etwas anderes gesteckt hat als das, was in
Googles Ergebnissen [Archivseite vom 2003-04-06] nicht nur auf Rang Eins
definiert ist, sondern mit gleicher Bedeutung auch auf den weitaus
meisten der folgenden 30 Einträge diskustiert wird. Nach der
Veröffentlichung im Register sind zumindest einige der
kritischen Follow-Ups zu diesem Thema mit in
die Top Ten gerutscht, aber die umstrittene
Neu-Definition steht dort weiterhin unangefochten ganz oben. Andere
Suchmaschinen und Einträge "weiter hinten" liefern hingegen
durchaus eine abweichende Semantik von "Second
Superpower".
Schon längst versuchen Geschäftemacher durch bestimmte
Praktiken den PageRank-Algorithmus zu überlisten, der sich (
so Google selbst) auf die "einzigartige
demokratische Natur des World Wide Webs [verlässt], indem er
die weitverzweigte Link-Struktur als einen Indikator für die
individuelle Einschätzung der Qualität einer Seite
nimmt." Grob gesagt funktioniert das so, dass eine Seite, auf die
viele andere Seiten verweisen, ja irgendwie gut und wichtig sein
muss, vor allem, wenn die anderen Seiten auch gut und wichtig
sind... Wer solche Seiten kontrolliert, hat dem entsprechende Macht
über das Google-Ranking und kann – wirtschaftliche oder
anderweitige Interessen vorausgesetzt – seine Lieblinge oder
zahlende Kandidaten entsprechend vorn platzieren.
Dasselbe Prinzip kann allerdings auch gänzlich
unabsichtlich zu einer verzerrten Weltsicht führen: Wer
beispielsweise in Google nach "Norbert Luckhardt" sucht [Archivseite mit Ergebnissen von 2003-04-06] (immerhin
schon seit seit Mitte 2000 bei der <kes>), der findet ganz
oben keine <kes>-Seiten, sondern vor allem anderen eine lange
Zeit "übriggebliebene" Homepage aus Luckhardts vorangegangenen
c't-Zeiten (jüngst aus dem Heise-Webspace entfernt, aber – mit Stand 2003-04-05
– im Google-Archiv [Archivseite vom 2003-04-06] noch verfügbar). Und
zwar ganz einfach deshalb, weil die Website des
Magazins
c't bekannter ist und daher mehr Links auf sich vereint...
Wie auch immer es zu einer automatisierten Sortierung von Internet-Suchergebnissen kommt: Die Mahnung scheint angebracht, sich nicht nur auf "die eine" beste Suchmaschine, nicht auf eine "vor allen anderen" gefundene Webseite oder Meinung zu verlassen, sondern immer eine gewisse Vorsicht und ein gesundes Misstrauen zu bewahren. Wie schon im biologischen Vorbild und bei der Installation von Softwareumgebungen erweist sich auch beim Wissensmanagement eine (in diesem Falle "geistige") Monokultur als besonders anfällig gegen Angriffe und Irrtümer.