19. Februar 2001
"Können Sie sich Folgendes vorstellen? Beim Betreten von Einkaufszentren muss man sich künftig ausweisen. Der Name wird notiert. Außerdem erhält man einen elektronischen Knopf an die Kleidung, mit dessen Hilfe jederzeit festgestellt werden kann, in welchem Shop des Einkaufszentrums man gerade ist, in welcher Cafeteria man seinen Espresso trinkt und welche Zeitung man soeben am Kiosk gekauft hat. Begründung der Betreiber: Die Kriminalität im Einkaufszentrum sei so hoch. Außerdem geschehe alles zum Wohle der Kunden, die jetzt viel besser im Hinblick auf ihre speziellen Konsumwünsche betreut werden könnten." Mit diesem Horrorszenario vergleicht der Schleswig-Holsteinische Landesbeauftragte für den Datenschutz Dr. Helmut Bäumler gewisse Pläne für das Internet.
Anlässlich der Vorstellung des neuen
Projektes AN.ON fragt er: "Wie wohl die
Kunden reagieren würden? Die meisten würden vermutlich
mit einem 'Nein danke!' das Einkaufszentrum auf Nimmerwiedersehen
verlassen." Im E-Commerce scheint man aber von den Kunden zu
erwarten, dass sie solche Datensammlungen hinnehmen. Immer wieder
verlange man mit den unterschiedlichsten Begründungen, Surfer
müssten eindeutig identifizierbar sein. Bäumler fordert
hingegen: "Das Recht auf Anonymität im Internet, das im
Teledienstedatenschutzgesetz garantiert ist, muss endlich effektiv
durchgesetzt werden. Wer im Internet surft, ist bis jetzt eine
Nummer: So sieht jedenfalls die Datenspur aus, die er hinter sich
herzieht. Dazu gehören IP-Adressen, aber auch Kennungen in
Cookies von besuchten Webseiten oder Werbeanbietern."
Anonymisierer, die die Internet-Nummern durch eigene Kennungen ersetzen, versprechen Abhilfe. Leider keine perfekte: Die Betreiber dieser Rechner und auch Beobachter im Netz mit ihren Tools wie sie etwa bei dem geheimdienstlichen Abhörsystem Echelon gebräuchlich sind, könnten die Kommunikation immer noch zuordnen. Daher wurde das Projekt "AN.ON Anonymität im Internet" von der TU Dresden und dem Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein ins Leben gerufen. Bei AN.ON entsteht ein Anonymitätsdienst, dessen Basis viele unabhängige Netzknoten (so genannte Mix-Proxies) sind, über die die Internet-Kommunikation verschlüsselt abläuft. Mit diesem System bleibt auch den Providern oder Lauschern auf den Leitungen verborgen, wer was im Internet macht. Betreiber solcher Mix-Proxies kann im Prinzip jeder werden, der über eine entsprechend breite Internet-Anbindung verfügt. Die im AN.ON-Projekt entwickelte Software wird als Open Source allen Internet-Nutzern offengelegt und frei zugänglich gemacht.
Das Projekt wird vom
Bundesministerium für Wirtschaft und
Technologie gefördert. Es ist auf drei Jahre angelegt und
soll am Ende zu wirtschaftlich verwertbaren Ergebnissen
führen. Man erwarte, dass zudem "bisherige Hemmnisse für
den E-Commerce abgebaut werden, wenn sich die Verbraucher darauf
verlassen können, dass sie beim Online-Shopping nicht
automatisch eine breite Datenspur erzeugen."